Du nimmst Antidepressiva? DU OPFER!

12. August 2017

Als ich diesen Blog ins Leben gerufen habe, ging es nur um große Menschen. Und um die passende Kleidung. Ein stinknormaler Modeblog, nur eben für Frauen und Männer, die längenmäßig über der Norm liegen. Mit der Zeit mischten sich dann andere Themen dazu, rund um meinen Alltag: ich schrieb über mein Leben als Mutter, über Reisen, Ernährung, Liebe, Sex. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Blog mich einmal dazu führen könnte, Menschen Kraft zu geben.

Doch genau das hat sich im Laufe der Jahre herausentwickelt. Je mehr ich von mir selbst Preis gegeben habe, desto mehr Fragen kamen auf. „Susi, woher hast Du Dein Selbstbewusstsein, fühlst Du dich denn auch manchmal unwohl, wie schaffst Du es, so cool mit allem umzugehen?“

Je mehr ich mit dieser „Rolle“ konfrontiert wurde, desto mehr wurde mir klar, dass ich Euch auch den anderen Teil dieser „Superwoman“ zeigen muss. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dass ich natürlich auch meine Probleme habe, kleine und ja, auch große. Das Thema Depressionen habe ich erst vor kurzem hier schon einmal angeschnitten.

Immer wieder erreichen mich seitdem Mails, in denen Ihr wissen wollt, wie ich es geschafft habe, die Depression zu besiegen.

Die Antwort ist: gar nicht.

Wer jemals betroffen war, weiß, dass ein „Besiegen“das falsche Ziel ist. Wer einmal eine Depression, vielleicht sogar eine schwere oder mittelschwere, eine solche Talfahrt hinter sich hat, der wird sein Leben lang kämpfen müssen. (Das ist meine SUBJEKTIVE Sicht der Dinge!) Eine Krankheit zu verallgemeinern, ist schlicht nicht möglich. Denn Depressionen sind vielfältig, sowohl was Grad und Dauer angeht, als auch die Häufigkeit, mit der man mit ihnen konfrontiert wird. Ob eine genetische Veranlagung da ist oder ein traumatisches Erlebnis dazu geführt hat.

Mit der Diagnose Depression wird es Jahre geben, in denen ein ganz normales Leben möglich ist. Vielleicht ohne medikamentöse Unterstützung, ohne Psychotherapie, ohne ständige Sorgen. Es wird aber auch Jahre geben, in den die Umstände einen wieder zurück werfen. Und man von vorne anfängt. Wobei auch das nicht stimmt.

Wir fangen niemals von vorne an.

Jede Erfahrung, jedes Jahr unseres Lebens bringt uns weiter. Doch es sind bestimmte Punkte in unserer Seele, die- wenn sie nicht Heilung erfahren dürfen- sich wieder bemerkbar machen.

Wem es jetzt schon zuviel ist- der steige bitte aus und möge sich dem Tagesgeschäft zuwenden.

Denn was ich heute zu sagen habe, ist auch für mich nicht leicht.

Ich werde in zwei Wochen 34 Jahre alt. Das erste Mal wurde ich mit Panikattacken Anfang 20 konfrontiert. Ich habe eine Therapie gemacht. Nach dem Scheitern meiner Ehe fiel ich wieder in ein Loch. Und schließlich kam das wohl wahnsinnigste, beste Ereignis meines Lebens: die Geburt meiner Tochter und ich rutschte wegen Überforderung und dem hormonellen Ungleichgewicht in eine Wochenbett-Depression.

Trotzdem war ich die ganze Zeit auch immer wieder glücklich, fröhlich, lustig. Doch dazwischen waren Tage, die ich fast nicht ertragen habe.

Und jetzt komme ich zum Punkt:

Damals brauchte ich dringend Antidepressiva. 

Ein Thema, das die Gemüter erhitzt und bei dem die Meinungen auseinander gehen… Aber wenn ich mich in meinem beruflichen und privaten Umfeld umsehe, sehe ich lauter glückliche, wohlhabende, erfolgreiche Menschen. Lustige Menschen, Künstler, Geschäftsmänner, Mütter. Und viele, ja wirklich viele von ihn nehmen Tabletten oder haben sie zeitweise genommen. Wieso zur Hölle ist es heutzutage immer noch eine Schande, darüber zu reden? 

Ich weiß eines: wer ganz am Ende ist, dem darf niemand, NIEMAND!, einen Vorwurf machen, wenn er sich Antidepressiva verschreiben lässt. Dass diese Pillen kein Allheilmittel sind, wissen alle Betroffenen selbst! Doch ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen lieber jahrzehntelang kämpfen statt auf den Rat einer Psychiaters zu hören und sich hormonelle Unterstützung holen. Wir dürfen nicht vergessen: Wer psychisch krank ist und Medikamente nimmt, der wird abgestempelt, der ist schwach, doof und „auf Drogen“.

Oh, wie ich diese Argumentation liebe. Verachten wir den Diabetiker, weil er sich Insulin spritzt? Verachten wir den Krebskranken, weil er eine Chemotherapie beginnt?

Nein, wir haben so viel Anstand und Respekt, das gut zu heißen, schließlich soll der Mensch ja gesund werden.

Mit welcher verdammten Frechheit erlauben es sich also selbsternannte Experten, über Menschen zu urteilen, die Antidepressiva nehmen?

THINK ABOUT IT.

You Might Also Like

3 Comments

  • Reply Monika 12. August 2017 at 15:26

    Genau so ist es!
    Wenn man sich ein Bein gebrochen hat und starke tabletten nimmt ist es ok.
    Aber wenn die Psyche krank ist und man antidepressiva nimmt ist es gleich was schlimmes.
    Unsere Gesellschaft sollte echt mal aufwachen !
    Ich nehme selbst antidepressiva nachdem ich nun in Therapie stationär war und zuvor 10 Jahre lang gekämpft habe und mich geweigert tabletten zu nehmen, weil es mir auch so negativ unter die Nase gerieben wurde.
    Und nun bin ich gott froh diese Pillen zu haben, und bereue es nicht früher genommen zu haben.

  • Reply Maikie Makakie 12. August 2017 at 15:39

    Ein wirklich toller Post ! gut geschrieben
    Ich selbst bin oft der Meinung, dass solche Medikamente heutzutage leider oft „zu früh“ genommen werden, weil sich oft keine Gedanken mehr darum gemacht wird, was man da zu sich nimmt oder ob es überhaupt die beste Lösung ist, für manche ist es denke ich die „einfachste“, aber nicht immer die effektivste.
    Dennoch finde ich auf keinen Fall, dass man solche Menschen verurteilen sollte, vor allem nicht diejenigen, die kaum eine Wahl haben.. Ich selbst habe auch Erfahrung damit und tat mich anfangs auch sehr schwer mit der Vorstellung, stimmungsverändernde Medikamente zu nehmen, musste für mich dann auch später feststellen, dass es für mein wohlbefinden nicht die beste Lösung war.

    Aber besonders dein Vergleich mit Medikamenten, die man z.B. bei Diabetis nimmt, finde ich sehr überzeugend ! 🙂

    Vielen Dank für den Post, ich habe ihn gern gelesen und finde ihn sehr wichtig 🙂

  • Reply Sonja Blödorn 12. August 2017 at 15:54

    Hallo meine Liebe
    Wie wahr deine Worte doch sind, auch ich habe früher darüber gelächelt bis ich letztes Jahr selber in diese Lage geraten bin.
    Heute bin ich froh Antidepressiva zu nehmen weil ich nicht weiß ob ich sonst heute hier schreiben würde
    Auch ich war so mutig und habe auf meinem Blog darüber geschrieben, weil diese Krankheit immer noch unter de Tisch gelehrt wird
    Daumen hoh für deinen Mut
    LG Sonja ( das Hexlein )

  • Leave a Reply

    Follow
    Get every new post delivered to your inbox
    Join millions of other followers
    Powered By WPFruits.com
    %d Bloggern gefällt das: