tinder stories. Folge 5

21. Februar 2018

Ich habe lange überlegt, ob ich über diese Geschichte schreibe. Aber ich habe mich dafür entschieden, zusammen mit dem Mann, um den es geht.

Folge 5 : Zwei Seelen

Tom lernte ich ziemlich am Anfang meiner tinder- “Karriere” kennen. Er war Mitte 40, kam aus einer langen Beziehung und wollte die App eigentlich nur mal ausprobieren, um seinen Marktwert zu testen. Wir hatten ein Match.

Er war so groß wie ich, aber vom Körperbau komplett das Gegenteil. Muskulös, drahtig, ein ehemaliger Leistungssportler. Durchtrainiert bis zum kleinen Zeh. Dazu ein markantes Gesicht, Drei-Tage-Bart und wunderschöne braune Augen.

Ich glaube, er wusste gar nicht, wie gut er aussah. Nach mehr als 15 Jahren Beziehung mit seiner Exfreundin war das wahrscheinlich (und verständlicherweise) auch Nichts, was eine große Rolle spielte. Wir trafen uns vor zwei Jahren, im März 2016. Damals hatte ich grade einen schmerzhaften Bänderriß hinter mir und konnte nur mit Schiene laufen.

Nichtsdestotrotz verabredeten wir uns am See, zum Spazieren gehen.

 

 

Ich weiß noch, was er beim ersten Treffen trug. Ein weißes Shirt, Cargohosen, Chucks. Es klingt übertrieben, aber etwas Männlicheres hatte ich noch nie gesehen. Das V-Kreuz, der Knackarsch, die männlichen Gesichtszüge. Wow. Doch nicht nur sein Aussehen faszinierte mich. Denn Tom war außerdem lustig, verständnisvoll und der perfekte Gentleman. Kurz: es funkte, aber gewaltig. Auch auf seiner Seite.

Ab diesem Nachmittag verbrachten wir unsere Wochenenden zusammen, machten Ausflüge, übernachteten beieinander.

Es war – fast – perfekt.

Denn trotz unserer Verliebtheit blieb immer das Gefühl, dass irgendetwas zwischen uns stand. Tom wirkte oft im Geiste abwesend. Ich schob es auf seine Ex-Beziehung und dass er damit unterbewusst auch noch abschließen musste.

Als ich im Mai ein paar Tage nach Kroatien fuhr, wusste ich: wenn ich wieder kommen würde, würde ich das Unbekannte ansprechen müssen.

Doch dazu kam es nicht. Während meines Urlaubes ignorierte mich Tom komplett und antwortete weder auf Nachrichten, noch auf Anrufe. Nach vier Tagen Funkstille machte er dann per Whatsapp Schluss. BÄM!!! Überflüssig zu erwähnen: Ich war am Boden zerstört.

Hatte ich mich wirklich so in ihm getäuscht?!

Nach der “Trennung” vergingen einige Wochen, als er mich plötzlich anschrieb: Er wolle mich um ein letztes Gespräch bitten, mir erklären, was los war. Ich war immer noch gekränkt, aber meine Neugierde siegte und nach einigem Hin und Her sagte ich schließlich zu.

 

 

Wir trafen uns in einem Café und Tom war blass vor Aufregung. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er zitterte richtig und einige Minuten lang konnte er gar nicht sprechen. Dann sah er mir in die Augen und sagte: “Das, was ich Dir jetzt erzähle, weiß niemand. Nur ich, meine Ex und jetzt gleich Du. Versprich mir, dass Du bis zum Schluss zuhörst und mich nicht gleich verurteilst.”

In meinem Kopf jagte ein Szenario das nächste. Er war gar nicht getrennt! Das musste es sein. Oder er war sogar verheiratet und hatte zwei, ach was sag ich, drei Kinder?! Oder er war nur auf Freigang – die wildesten Fantasien ratterten durch mein Hirn.

“Susi, ich hab nicht nur dieses Leben als Tom. Ich habe noch ein zweites.”

Ich wusste es, er war verheiratet!! DIESES ARSCHLOCH!

“Susi, Ich bin nicht nur Tom. Ich bin auch.. Nicole.”

Häh? Ich sah ihn an und verstand kein Wort. “Ja, es gibt Tage, da wache ich auf und bin Nicole. Und dann setz ich mir eine Perücke auf, zieh mir ein Kleid an und bin eine Frau.”

 

 

Ich war baff.

Tom?! Der supermaskuline Tom, der Traummann, der Testosteron-Tom, der… was? Nicole?! Ich muss ziemlich doof ausgesehen haben, denn er nahm sein Handy und sagte: “Du glaubst es mir nicht, oder? Hier, möchtest Du Bilder sehen?”

Ich sah Bilder von meinem Tom im Minirock. Im schwingenden Sommerkleid. In Heels. Mit langen blonden Haaren, mit langen braunen Haaren. Zugegeben- sexy. Ich fühlte mich wie vom Laster überfahren. “Ja, und?” sagte ich cool. “Das ist jetzt alles?”

Jetzt war es Tom, der verdutzt aus der Wäsche schaute. “Ich mein, deswegen hast Du mit mir Schluss gemacht? Du hast mir gar keine Gelegenheit gegeben, mich damit auseinander zu setzen. Vielleicht find ich’s ja gar nicht schlimm?!”

Tom war furchtbar erleichtert. Seit er ein Junge war, hatte er immer wieder kurze Phasen erlebt, in denen er einfach nur ein Mädchen sein wollte. Und irgendwann hatte er es dann gemacht. Heimlich, immer nur heimlich. Durch seine Arbeit als Selbstständiger konnte er es ausleben.

Und auch wenn aus Tom und mir schlußendlich kein Paar mehr wurde, ist mir eines an dieser tinder story enorm wichtig: Ich schreibe sie nicht, um mich über Tom lustig zu machen oder Euch ein “Mensch, verrückt, was Dir alles passiert, Susi!” zu entlocken.

Ich schreibe das, genau aus dem selben Grund, weshalb ich wenig später auch den Beitrag über Bernd aka Marlene  geschrieben habe. Um zu zeigen, dass dieses Thema nicht nur im RTL 2 Nachtprogramm existiert. Sondern dass es vielleicht auch in Eurem Umfeld Menschen gibt, die heimlich ein Doppelleben führen, weil sie Angst vor der Reaktion ihrer Mitmenschen haben.

Tom, Du weißt, dass ich Dich schätze und respektiere. NICHTS wird daran jemals etwas ändern. 

 

tinder Fazit 5

#1  Lebe frei von Vorurteilen und sei offen für Menschen, die anders leben.

#2  Das Leben ist bunt.

Ps: Zu den anderen Tinder Stories geht’s hier: Nr.1 , Nr.2 , Nr.3, Nr.4.

 

Nachtrag: In den Kommentaren findet Ihr noch ein paar Worte von Tom persönlich… einfach runterscrollen! 🙂 

6 Comments

  • Reply Testosterontom :-) 21. Februar 2018 at 8:12

    Hey liebe “Grössenwahn” Gemeinde,

    ja hier antwortet der beschriebene “Tom”.
    Erst mal ein Danke an dich Susi für den netten Text, den ich nicht gegengelesen, sondern mir als Überraschung aufgehoben habe. Du hast es super geschrieben und sehr nett verpackt. Und übrigens, ich war und bin mir nicht bewusst, dass ich so gut aussehe. Das liegt ja auch zu 100% am Auge des Betrachters 🙂

    Dennoch möchte ich hier ein paar Zeilen zu “Nicole” hinterlassen, um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen:

    Ich bin mir mittlerweile zu 100% sicher, dass der Auslöser zu Nicole in meiner Kindheit (sehr frühen Kindheit) stattgefunden hat. Meine Mutter hat mir immer mal erzählt, dass ich als Kind oft mit einem Mädchen verwechselt wurde (Meine Kindheitsbilder sind tatsächlich unglaublich im Kontrast zu heute). Ich glaube mich auch in manchen Fällen erinnern zu können, dass die Leute wesentlich freundlicher und lieber mit mir umgegangen sind, solange sie glaubten, dass ich ein Mädchen sei. Ich denke, hier hat eine gewisse Prägung stattgefunden, die mich seitdem begleitet.

    Was allerdings in diesem Zusammenhang wichtig ist zu verstehen, ist, dass es nicht um sexuelle Erregung geht, sondern um die positive Anerkennung einer Frau in der Gesellschaft und dem Verehren der Weiblichkeit an sich. Ja tatsächlich geht es darum, dass ich die Weiblichkeit allgemein als so etwas Besonderes und Schönes betrachte, dass ich es manchmal gerne selber erlebe, so wie man als Kind gerne mal Polizist, Cowboy oder Indianer ist.

    Wichtig ist auch zu wissen, dass ich alles was man gemeinhin als “nuttig” bezeichnet ablehne, das gefällt mir weder an einer noch so hübschen Frau, noch an mir. Ich liebe das weibliche, elegante, sanfte, weiche….. Nicht eben zwangsläufig an mir, sondern wesentlich wichtiger an meiner Partnerin.
    Und hier kommt das Entscheidende: Wenn ich eine Partnerin habe, die diesen “Kriterien” entspricht, tritt Nicole in den Hintergrund (ich würde sagen nur noch zu 30% wichtig).
    Bin ich alleine, ist Nicole mehr im Vordergund und tritt mit etwa 50% (mal mehr, mal weniger) in den Vordergrund.

    Und jetzt noch ein kurzer Kommentar zu Leuten, die jetzt denke: “Ohje, der arme Kerl”.
    Nein absolut kein armer Kerl, vielleicht mit 15, 20 oder gar 30 Jahren und da auch nur phasenweise. Heute bin ich tatsächlich froh, diese zweite Seite an mir zu haben und ich stehe so sehr dazu, dass ich kein Problem damit habe, mich als Nicole in der Öffentlichkeit zu bewegen. Nicole hat in der langen Zeit einen Erfahrungsschatz und “Professionalität” gesammelt, dass sie in der Öffentlichkeit kaum auffällt. Ich bin selber immer erstaunt über den krassen Kontrast zwischen Tom und Nicole.

    Zum Schluss noch ein Wort: Leben und leben lassen. Ich denke es ist alles o.k, solange man nichts Verbotenes macht, Leuten etwas aufdrängt oder jemanden schadet.

    Ach und noch was: Wahrscheinlich fragt ihr Euch ob ich Bisexuell bin oder schwul. Nein bin ich nicht, ich bin 100% hetero und zwar aus dem einfachen Grund, da ich das Weibliche verehre und mich das Männliche eher abstößt.
    ……..und ich finde Schwule, Lesben, Transgender usw. super, eine tolle Bereicherung unsere Gesellschaft.

    Übrigens hatte ich noch nie schlechte Erfahrungen als Nicole in der Gesellschaft, im Gegenteil, Typen pfeifen oder schauen hinterher, manche werden sogar etwas lästig und interessanterweise bekomme ich speziell von älteren Frauen oft Komplimente. Ich kann es mir nicht erklären, aber so ist das eben mit Nicole und Tom 🙂

    • Reply groessenwahn 21. Februar 2018 at 9:35

      WOW! Danke für Dein Feedback und dass Du dir soviel Zeit genommen hast, mein Lieber, um noch ein paar Sachen zu erklären… Ich drück Dich!

  • Reply Jacqueline Richter 21. Februar 2018 at 10:42

    Schöner Bericht, danke..und auch danke an Tom!

    Ich hab ja auch zwei Seelen, (nicht männlich und weiblich), aber Lady und Hippy, Gothic und Hausmütterchen, Luxus und Camping, Gleitschirmfliegen und Klöppeln.
    Nich immer kann ich jede davon so ausleben wie ich gern würde. Aber ich versuche es oft und hab das auch phasenweise stoße dann bei einigen, die mich ganz anders kennen auf Unglauben. Meine Freunde aber mögen wohl grad das an mir.

    Also von mir hätte so ein Mann auch ein: “Ja, und?” bekommen! 🙂

    • Reply groessenwahn 22. Februar 2018 at 16:33

      Das Leben bietet auch so viele Möglichkeiten zur Entfaltung.. Ich möchte gar nicht nur eine Seite haben! Wie wusste schon Meredith Brooks:
      “I’m a bitch, I’m a lover
      I’m a child, I’m a mother
      I’m a sinner, I’m a saint
      I do not feel ashamed”

      WORD.

  • Reply Beate Relle 22. Februar 2018 at 8:17

    Menschen wie Du sind für mich was Besonderes ..im positiven Sinne…sie tun niemand was zuleide ..sind zudem noch sehr verständnisvoll und empathisch und schwimmen nicht mit der großen Masse mit
    und ganz wichtig

    Sie haben eine enorme Stärke in sich, die manch andere/r NIEMALS aushalten bzw. durchstehen würde oder wollte.
    Sie treten Anfeindungen und Beleidigungen oder verbalen Attacken mit SelbstBewusstsein entgegen, was andere nur mit Arroganz oder Narzissmus ertragen würden.

    Ich ziehe den Hut und bedanke mich respektvoll für diese von Euch beiden offen geschriebenen Worte

    • Reply groessenwahn 22. Februar 2018 at 12:06

      Wow Beate! Vielen Dank für so großartige Worte!

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