Über Chester Bennington, Depressionen und Doppelmoral

22. Juli 2017

Die Trauer ist riesig. Am Donnerstag ist bekannt geworden, dass sich der Frontmann von Linkin Park, Chester Bennington, das Leben genommen hat. Millionen Fans sind erschüttert, weltweit. Es war zwar kein Geheimnis, dass der geniale Musiker seit Jahren unter Depressionen, Dämonen der Vergangenheit und schwerem Drogenmissbrauch litt.

Dass der Vater von sechs Kindern den Freitod einem Leben auf dieser Welt vorgezogen hat, und das mit 41 Jahren, traf trotzdem eine ganze Generation ins Mark.

Ich muss gestehen, ich war weniger betroffen. Ich kenne die Band, klar, ich habe zu den Songs gefeiert, habe mit Anfang 20 in der Disko mit gegrölt und Exfreunde mit ihren Texten verdammt, aber ich hab mich nie näher mit Linkin Park befasst. Chester Benningtons Privatleben und seine Gesundheit waren für mich- bis dato- kein Thema.

In den letzten Stunden arbeitet es aber in meinem Kopf.

Was mich wütend nachdenklich macht, ist, dass einige der Leute, die um einen Musiker trauern (was ich nicht anprangere), im Alltag ganz anders agieren (was ich anprangere).

Denn wenn es aus dem Bekanntenkreis heißt, jemand leidet an Depressionen, dann haben viele dafür nicht mehr als ein müdes Schulterzucken dafür übrig.

“Aha..Echt?

Selber schuld, soll sich nicht so gehen lassen.”

Diese Erfahrung ist rein subjektiv. Genau so habe ich viele Menschen erlebt, als ich zwei Mal wegen einer depressiven Episode im Krankenhaus war. Dabei war es leider egal, ob es sich um Bekannte, Familie oder meinen Expartner handelte. Depression ist ein Zeichen von Schwäche – zumindest für einige ignorante Menschen.

Wenn ein bekannter Musiker sich das Leben nimmt, weil seine Welt so schwarz und traurig ist, dass er das Gefühl hat, ihm könne niemand mehr helfen- dann entsteht Aufruhr.  Leider bezweifle ich aber, dass die breite Masse ähnlich viel Anteilnahme zeigen würde, wenn es um Verständnis für den Nachbarn oder den Arbeitskollegen geht.

Depressionen sind eine Pest. Nur wer jemals darin gefangen war, wird das volle Ausmaß verstehen. Die Hoffnungslosigkeit, der Schmerz, die Scham.

 

via Wikimedia Commons

 

 

Chester Bennington hilft Euer Mitleid nicht mehr.

Für Jemanden aus Eurem Umfeld könnte es die Welt bedeuten.

think about it.

 

 

8 Comments

  • Reply M-iwear 22. Juli 2017 at 5:34

    Aber wie kann man helfen? Ich hab eine Person in der Familie, die lässt mich nicht an sie ran, die sieht es nicht oder will es nicht sehen. Ich hab schon mit Ärzten gesprochen, die ebenfalls der Meinung sind, wenn der Betroffene nicht will hast du keine Chance.

    • Reply groessenwahn 22. Juli 2017 at 7:34

      Liebe Martina, Hör nicht auf, Deine Hilfe anzubieten. Betroffene wissen es meist schon, wollen aber niemandem zur Last fallen. Lass den Mensch nur einfach immer wieder wissen, dass Du im Notfall da bist, auch früh um 4. Ich habe diese Worte auch 30 Mal gesagt bekommen, bevor ich mich überwunden habe, die Hilfe anzunehmen. Bussi nach Wien

      • Reply Andrea 22. Juli 2017 at 18:24

        Manchmal sind es leere Worte, doch die die bis zum Schluss bleiben und es mit einem durchstehen, dass sind die wahren Freunde. Schön dass es sie gibt und dass du es wieder heraus geschafft hast. Sei stolz auf dich u deine Kraft!!!!

        • Reply groessenwahn 24. Juli 2017 at 13:26

          Da hast Du sehr Recht, Andrea! DANKE DIR für Deine lieben Worte! Susi

  • Reply Roland 22. Juli 2017 at 9:14

    Damit triffst du den Nagel voll auf den Kopf! Danke für diesen Artikel!

    Empathie ist leider etwas, dass bei den meisten Menschen erst weit hinter dem Vorurteil kommt …

    https://burnoutside.com/2017/05/21/burnout-und-depressionen-modeerscheinung-oder-schauspiel/

  • Reply Claudia 22. Juli 2017 at 9:29

    Hallo Susi,

    ein wichtiger Punkt! Vermutlich haben nun alle für eine Weile mal scheinbar etwas Verständnis und danach ist es wieder wie vorher. Ich respektiere die Trauer der Fans, würde mir aber auch dasselbe Mitgefühl für das persönliche Umfeld wünschen. Wobei ich Glück hatte, bei mir haben eigentlich alle verständnisvoll reagiert. Klar wissen sie nicht immer, was sie machen sollen, aber sie sind da, und das ist wichtig.

    Vielleicht denkt ja doch der eine oder andere, der nun betroffen ist, auch drüber nach und hört auf, die Depression eines Freundes oder Familienmitglied herunterzuspielen, das wäre schön. Wie wenig anerkannt das als Krankheit ist, zeigt sich ja auch daran, dass eine Erschöpfungsdepression oft hinter dem Begriff “Burnout” versteckt wird, weil das so klingt, als hätte jemand einfach zu viel geleistet.

    Liebe Grüße

    Claudia

  • Reply Vanessa 23. Juli 2017 at 20:29

    Wahre Worte. Es ist sehr schwer so etwas und schwer da rauszukommen. Auch mit Hilfe.

  • Reply Steven 24. Juli 2017 at 9:53

    Der Begriff “Depression” wird aber auch inflationär genutzt. Das schadet den wirklich Betroffenen. Wenn Leute rumtönen, sie seien depressiv, weil grade irgendwas in ihrem Leben schief lief und sie aus rational nachvollziehbaren Gründen schlecht drauf sind, verzerrt das die Wahrnehmung der Krankheit “Depression”. Das ist nunmal mehr, als (anlassbezogen) schlecht drauf zu sein. Das verstehen Außenstehende aber meist nicht. Die denken, dass sie selbst ja auch schon so ihre schwierigen Zeiten hatten, aber aus eigener Kraft da raus kamen. Dabei haben sie nie eine Depression gehabt und wissen rein gar nichts darüber.

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